Freitag, 24. Mai 2024

Der Gemeinderat von Aegerten bringt Ordnung in den Kabelsalat

Aegerten kündigte an, sein Kabelnetz zu verkaufen und stiess damit viele vor den Kopf. An einem Infoanlass hat sich die Gemeinde nun den kritischen Fragen gestellt.

Mengia Spahr  Ajour Bieler Tagblatt    Publiziert: 26. Mai 2024, 08:19 Uhr

Im Mehrzweckgebäude in Aegerten waren am Donnerstagabend fast alle 84 Stühle im Publikum besetzt. Das zeugt von einem grossen Interesse – für eine schwer zugängliche Materie. Die nächsten zwei Stunden ging es um Rohre und eine sogenannte Kupferkoaxialtechnik.

Unter Aegerten verläuft ein Netz aus Kabeln, welche die Fernseher, das Internet und die Festnetztelefone der Einwohnerinnen und Einwohner speisen. Am 10. Juni stimmt die Gemeindeversammlung darüber ab, ob die Gemeinde ebendieses Netz an eine Firma aus dem zürcherischen Schlieren verkauft.

Dass ein solches Geschäft so zu mobilisieren und Emotionen hervorrufen vermag, liegt unter anderem an einer ungeschickten Kommunikation seitens der Gemeinde.

Zuerst falsch informiert

Seit über 20 Jahren betreibt die gemeindeeigene Energieversorgung Aegerten (EVA) die Ortsantennenanlage und versorgt das Dorf mit Strom. Doch in den letzten Monaten hat Aegerten gewisse Aufgaben ausgegliedert. Seit Anfang Jahr kümmert sich die Energie Seeland AG um den Betrieb der EVA. Und im März informierte die Gemeinde darüber, dass die Ortsantenne an die GIB-Solutions aus Schlieren verkauft werden soll. Diese wolle darin ein Glasfasernetz installieren und die Gemeinde mit Signalen versorgen.

Mit der Publikation im «Nidauer Anzeiger» stiess der Gemeinderat Bürger und eine Partnerin vor den Kopf. Zum einen sind da die Verantwortlichen der Gemeinschaftsantennen-Anlage Grenchen. Die GAG versorgt in Aegerten mehrere 100 Kundinnen und Kunden. Der Gemeinderat schrieb, dass «die heutige GAG-Kundschaft zum neuen Provider überführt» werde. Eine Information, die schlicht falsch war, weshalb die GAG eine Richtigstellung verlangte.

Zum anderen haben zwei ehemalige Geschäftsleitungsmitglieder der Energieversorgung Aegerten das Referendum gegen den Verkauf ergriffen. Innerhalb kürzester Zeit hatten sie die nötigen Unterschriften gesammelt.

Antworten auf offene Fragen

Vielleicht hat die eine oder der andere auch unterschrieben, weil so vieles unklar war: Wieso soll das Kabelnetz an einen Anbieter aus Schlieren verkauft werden und nicht an einen lokalen? Ist es der richtige Partner? Macht Aegerten ein gutes Geschäft?

Der Gemeinderat hat erkannt, dass er die Bevölkerung mit diesen Fragen nicht allein lassen kann. Fast der gesamte Gemeinderat, Vertreter der GIB-Solutions, der Swisscom und der GAG, ein Netzwerkberater und die Geschäftsleitung der EVA sassen am Donnerstag dem Publikum gegenüber. Über ein Dutzend Auskunftspersonen.

Gemeindepräsidentin Christine Rawyler (SP) räumte gleich zu Beginn ein, dass man mit der – schwer verständlichen – Publikation im «Anzeiger» «nicht den idealen Weg gewählt habe, um eine solch komplexe Sache zu kommunizieren».

Glasfaser kommt bestimmt

Der zuständige Gemeinderat Urs Roth (OVA) sitzt zwar erst seit Anfang Jahr in der Exekutive, aber er hat die Vergangenheit aufgearbeitet, um den Anwesenden den Entscheid des Gemeinderats zu erklären. Wie er sagte, ist es nur eine Frage der Zeit, bis das alte Koaxkabel durch ein Glasfasernetz ersetzt wird.


Gemeinderat Urs Roth, flankiert von Mitgliedern des Gemeinderats und Experten, erklärte, wie die Verkaufspläne zustande kamen. Quelle: Mengia Spahr

Auch im Publikum sassen Leute, welche die neue Technologie kaum erwarten können. Etwa ein Aegerter, der im Homeoffice arbeitet und bei Videokonferenzen regelmässig Verbindungsprobleme hat.

Vor einigen Jahren wollte die Gemeinde selbst ein Glasfasernetz ausbauen, doch vor einem Jahr wurde das Projekt begraben. Aegerten könne sich das nicht leisten, so Roth. Laut ihm hatte die Gemeinde also noch zwei Optionen. Erste Option: Sie unternimmt nichts und die Swisscom wird das Glasfasernetz in den eigenen Rohren ausbauen. Und die zweite: Aegerten verkauft seine Kabel.

Weil Roth zufolge nur die zweite Option für die Gemeinde profitabel ist, suchte sie einen Käufer – und fand mit der GIB-Solutions einen Interessenten. Aber wieso eine Zürcher Firma, zumal es solche Dienstleister in der Region gibt? Das ist eine Frage, die gleich mehrere Anwesende beschäftigte.

Roth stellte klar, dass man Firmen aus der Region angefragt habe, diese aber kein Interesse hatten. «Es ist nicht so, dass wir zehn Interessenten hatten, aber ein guter reicht.»

Swisscom mit an Bord

Und ein solcher sei die GIB-Solutions. Gemäss dem Vertragsentwurf verpflichtet sie sich zu Folgendem: Bis Ende 2028 muss der Ausbau des Glasfasernetzes erfolgt sein. Und dieses muss diskriminierungsfrei sei. Will heissen: Jeder Provider soll darauf seine Dienste anbieten können – egal ob GAG, Salt oder Sunrise. Ausserdem habe die Gemeinde ausgehandelt, dass die Hauseigentümer nichts für die Anschlüsse bezahlen müssen, einzig, wer noch gar keinen Anschluss hat, muss selbst dafür aufkommen.

Insgesamt sollen vier Glasfasern verlegt und dann die alten Kabel zurückgebaut werden. Dafür hat die GIB-Solutions die Swisscom ins Boot geholt. Der Vertrag sei bereits aufgesetzt: Stimmt die Gemeindeversammlung dem Verkauf zu, so werden GIB-Solutions und Swisscom den Ausbau partnerschaftlich realisieren und die Strasse wird nur einmal aufgerissen.

Niemand müsse den Anbieter wechseln

Die Ausführungen der Gemeinde und der Involvierten glätteten gerunzelte Stirnen im Publikum. Doch es gab immer noch einige Unsicherheiten.

Es galt etwa zu klären, was Aegerten genau verkaufen will: Die Rohre? Die alten Koaxkabel? Eine Antenne? Oder irgendwelche Signale?

Es sind die alten Kupferkabel, wie Roth klarstellte, sowie ein bereits bestehendes Glasfasernetz. Die Rohre und Schächte, durch die auch die elektrische Versorgung läuft, bleiben im Eigentum der Gemeinde. Aber die GIB-Solutions wird sie gegen eine Entschädigung nutzen dürfen. Die Gemeinde gewährt der Firma das Nutzungsrecht für vorerst 32 Jahre, wobei die Möglichkeit von einer Verlängerung um weitere 30 Jahre besteht. Insgesamt werde die GIB-Solutions rund 520 000 Franken bezahlen, sagte Roth.


Volle Stuhlreihen am Infoanlass zum Verkauf des Kabelnetzes. Quelle: Mengia Spahr

 

Eine weitere Sorge betraf die Frage nach den Telekomanbietern. Er sei bei der GAG, sagte ein Anwesender und sehr zufrieden mit der Dienstleistung. «Was ist, wenn ich am Freitagnachmittag ein Problem mit dem Modem habe? Muss ich künftig nach Zürich fahren, statt nach Grenchen?»

Roger Peter von der GIB-Solutions beruhigte ihn: «Wir transportieren nur das Signal.» Niemand werde den Anbieter wechseln müssen. Die Provider müssen einfach die Bedingungen neu aushandeln mit GIB-Solutions. Urs Roth wies darauf hin, dass für die Kunden der GAG eine vierjährige Übergangsfrist gelte: In dieser Zeit dürfe der Grundpreis nicht erhöht werden.

Es schien tatsächlich, als konnten an diesem Abend fast alle Fragen beantwortet werden. Mit einer letzten Wortmeldung bedankte sich jemand für die Veranstaltung. Der Gemeinderat war sichtlich erleichtert.


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